Wir pflanzen weniger Bäume - und restaurieren mehr Wald
- silvia810
- vor 2 Tagen
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Im Januar letztes Jahr haben wir im Blog mit Freude von unserer Frühjahrs-Pflanzaktion erzählt: mehr als 100 junge Bäume, dreizehn verschiedene Arten, sorgfältig gesetzt und in den Wochen danach aufmerksam gepflegt. Viel Handarbeit, viel Wasser tragen, viel Beobachtung.
Diese Pflanzung war ein wichtiger Schritt. Und gleichzeitig haben die Erfahrungen, die wir dabei gemacht haben, bei uns eine Frage ausgelöst, die uns nicht mehr losgelassen hat:
Ist „Bäume pflanzen“ wirklich der beste Weg, um hier den ursprünglichen Wald zurückzubringen?
Denn unser Ziel ist nicht einfach „Aufforstung“ im klassischen Sinn. Unser Ziel ist: ein lebendiger, artenreicher Wald, der aus sich selbst heraus stabil ist – und der zur Region und zum Schutzgebiet Yvytyrusu passt.
Warum wir einen Experten beigezogen haben

Damit wir nicht nur nach Bauchgefühl handeln, sondern auch auf einer fachlich soliden wissenschaftlichen Grundlage, haben wir im Herbst 2025 den Biologen Raúl Rivarola als externen Berater engagiert.
Raúl, ein gebürtiger Paraguayer, verfügt über internationale Masterabschlüsse in tropischer Forstwirtschaft und nachhaltigem Waldmanagement (Universität Kopenhagen und Technische Universität Dresden) und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der natürlichen Wiederherstellung einheimischer Wälder in Paraguay.
Er hat unser Grundstück in Takuarita besucht, die Situation im Gelände analysiert und eine Strategie empfohlen, wie wir den einheimischen Wald im Schutzgebiet Yvytyrusu langfristig am wirksamsten unterstützen können.
Aufforstung und Restaurierung sind nicht dasselbe
In seinem Bericht macht Raúl eine zentrale Unterscheidung, die für uns sehr wichtig wurde:
Aufforstung bedeutet in der Regel: Bäume pflanzen, häufig mit dem Ziel, später nutzbare Hölzer zu gewinnen oder Flächen landschaftlich zu gestalten. In vielen Projekten stehen forstwirtschaftliche Arten, Zierbäume oder fruchttragende Arten im Vordergrund.
Ökologische Restaurierung bedeutet etwas anderes: das Waldsystem so zu unterstützen, dass es wieder zu dem werden kann, was hier ursprünglich gewachsen ist – mit seiner eigenen Dynamik, seiner Vielfalt und seiner inneren Stabilität.
Raúl empfiehlt deshalb für Panambi einen Wechsel der Vorgehensweise – nicht als kleine Anpassung, sondern als konzeptionellen Strategiewechsel..
Warum „einfach pflanzen“ hier nicht die beste Strategie ist
Bäume zu pflanzen, um einen ursprünglichen Wald wieder entstehen zu lassen, ist aus fachlicher Sicht vor allem dann sinnvoll, wenn es in einer Region zu wenig natürlichen Samenbestand gibt oder dieser vollständig verloren gegangen ist.
Im Schutzgebiet Yvytyrusu ist die Situation jedoch anders:

Raúl beschreibt die gesamte Region als Gebiet mit einem weiterhin sehr guten Samenbestand – quantitativ und qualitativ. Das liegt daran, dass es noch Reste einheimischer Wälder gibt, die jedes Jahr Samen produzieren, und weil Tiere, Wind und Wasser als natürliche Samenverbreiter wirken.
Und genau hier kommt ein Punkt, den viele Menschen unterschätzen:
Die Menge und Vielfalt an Pflanzenarten, die aus diesem natürlichen Samenbestand entstehen kann, übersteigt bei weitem das, was ein klassisches Pflanzprojekt in Bezug auf Biodiversität leisten kann.
Hinzu kommt etwas, das uns besonders überzeugt hat:
Jungbäume, die aus natürlicher Regeneration entstehen, tragen die lokale genetische Prägung in sich. Sie sind über lange Zeit an die Bedingungen dieses Ortes angepasst. Bei Baumschulsetzlingen ist das oft nicht der Fall – und zusätzlich kann es durch die Auswahl weniger Mutterbäume zu einer geringeren genetischen Vielfalt kommen.
Ökologische Sukzession: Wie der Wald wirklich zurückkehrt
Die natürliche Art und Weise, wie sich ein Wald nach einer Störung erholt, wird als ökologische Sukzession bezeichnet. Wenn Land nicht mehr für die Landwirtschaft genutzt wird und Nutztiere ferngehalten werden, kehrt der Wald zurück – durch natürliche Regeneration, Schritt für Schritt.
Die Phasen der Sukzession

Zu Beginn erscheinen Pionierarten. Sie wachsen schnell, produzieren oft schon im ersten oder zweiten Jahr Blüten und Früchte und verbessern die Standortbedingungen, indem sie für mehr Schatten, Feuchtigkeit und Biomasse sorgen.
Gleichzeitig sind sie in der Regel kurzlebig, d. h. ihre Lebenserwartung ist relativ gering.
Bild 1 zeigt Hu'i moneha, fumo bravo (Solanum granuloso-leprosum). Es handelt sich um eine der wichtigsten Pionierarten in der Region. Es ist ein einheimischer kleiner Baum, der schnell wächst und in zwei Jahren eine Höhe von 5 m erreicht. Hu'i moneha beginnt bereits im ersten Jahr seines Lebens zu blühen und Früchte zu tragen. Es handelt sich um eine Pflanze, die das ganze Jahr über Blüten und Früchte produziert und daher für einheimische Bienen, Vögel und fruchtfressende Fledermäuse sehr nützlich ist, die alle für die lokale Artenvielfalt von großer Bedeutung sind.
Die Pionierarten schaffen die Bedingungen für die Arten, die als Nächstes folgen: die Sekundärarten.
Die Dauer eines Sekundärwaldes kann stark variieren und in manchen Fällen sehr lang sein. Aus diesem Grund wird zwischen frühen und späten Sekundärbaumarten unterschieden. In tropischen und subtropischen Regionen gehören viele der frühen Sekundärbaumarten, die kurz nach den Pionierbaumarten auftreten, zur Familie der Leguminosen (Fabaceae). Diese Arten haben Wurzelsysteme mit Knöllchen, in denen Bakterien leben, die Stickstoff aus der Luft für den Boden verfügbar machen. Auf diese Weise wirken sie wie ein natürlicher Düngungsprozess und verbessern nachhaltig die Bodenbedingungen.

Bild 2 zeigt Amba'y (Cecropia pachystachya). Es handelt sich um eine typische frühe Sekundärart in der Region Yvytyrusu. Bei ausreichender Luftfeuchtigkeit ist sie der am schnellsten wachsende einheimische Baum in der Region. Es handelt sich um eine zweihäusige Pflanze, was bedeutet, dass sie männliche und weibliche Pflanzen hervorbringt. Weibliche Amba'y-Pflanzen produzieren das ganze Jahr über süsse Früchte, die für Tukane, Papageien, fruchtfressende Fledermäuse und andere einheimische Samenverbreiter sehr attraktiv sind.
Mit der Zeit tauchen Arten mit viel höheren ökologischen Anforderungen auf:
Arten, die für einen ausgewachsenen Wald charakteristisch sind, der sich durch Stabilität und hohe Artenvielfalt auszeichnet. Diese Arten wachsen in der Regel langsam und reagieren empfindlich auf Störungen. Deshalb kommen sie an Waldrändern, wo Wind und Sonneneinstrahlung stärker wirken, oft nicht vor.

Im Yvytyrusu-Wald gibt es viele Arten kleiner einheimischer Obstbäume aus der Familie der Myrtengewächse (Myrtaceae), die für fruchtfressende Vögel und Fledermäuse sehr wichtig sind. Die meisten von ihnen sind langsam wachsende spätsekundäre und Klimaxpflanzen, die alte Wälder benötigen.
Ein Beispiel, das in dem auf dem Grundstück von Panambi erhaltenen Wald gefunden wurde, ist die Yvaporoity (Plinia rivularis), die in Bild 3 zu sehen ist. Ihre süssen, schwarzen Früchte sind in der zweiten Hälfte des Frühlings reif. Diese kleinen Bäume, die im Schatten grösserer Bäume blühen und Früchte tragen, sind für die lokale Artenvielfalt von grosser Bedeutung.
Diese Sequenz zeigt, dass ein Wald nicht einfach nur eine Ansammlung von Bäumen ist. Ein Wald ist ein komplexes System, und seine Wiederherstellung und Erhaltung sind ein Prozess.
Unser neuer Fokus: Assisted Natural Regeneration
Raúls zentrale Empfehlung für Panambi lautet daher "Assisted Natural Regeneration" (ANR). Das bedeutet nicht, "nichts zu tun". Im Gegenteil, insbesondere in den ersten Jahren erfordert dies gezielte und konsequente Arbeit.
Raúl hebt unter anderem folgende Massnahmen hervor:
• Ausschluss der landwirtschaftlichen Nutzung und Schutz vor Haustieren
• Entfernung nicht heimischer und invasiver Arten
• Kontrolle von stark konkurrierenden Gräsern und Kletterpflanzen, insbesondere in den frühen Stadien
Dieser begleitete Ansatz ist in der Regel über einen Zeitraum von zwei bis fünf Jahren am intensivsten, abhängig von der Dynamik der Waldentwicklung.
Ein Schlüsselelement, das wir lieben: Vögel und Fledermäuse als "Helfer des Waldes"
Ein Abschnitt des Berichts hat uns besonders inspiriert, weil er zeigt, wie intelligent natürliche Prozesse funktionieren:
Für die erste Phase von ANR empfiehlt Raúl, bewusst Pionierarten einzusetzen, die sehr früh Früchte tragen. Diese Früchte sind attraktiv für fruchtfressende und allesfressende Vögel sowie für Fledermäuse.
Diese Tiere legen weite Strecken zurück und tragen Samen aus anderen Waldgebieten mit sich. Auf diese Weise finden auch Arten, die typisch für den inneren Wald sind, ihren Weg auf unser Land, Arten, die Menschen kaum gezielt „pflanzen” könnten.
Mit anderen Worten: Wenn wir die richtigen Bedingungen schaffen, hilft der Wald selbst durch seine natürlichen Verbündeten.
In einem Klima wie dem in Paraguay kann sich ein sekundärer heimischer Wald innerhalb von 15 bis 20 Jahren regenerieren.
Und was bedeutet das für unsere Pflanzaktivitäten?
Ja, auf den ersten Blick mag dies wie ein Widerspruch zu unserem vorherigen Blogbeitrag erscheinen.
Wir werden weiterhin Bäume pflanzen. Aber wir werden dies anders tun.
Nicht als primäre Strategie, sondern gezielt, beispielsweise um Waldreste zu bereichern, die aufgrund von Randeffekten und früherer Landnutzung ökologisch verarmt sind.
Raúl empfiehlt, mit einer solchen gezielten Anreicherung vor allem dann zu beginnen, wenn sich bereits ein Sekundärwald entwickelt hat, oft nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren, je nach lokaler Dynamik.
Dies ist eine wichtige Veränderung in der Sichtweise: Weg vom Ansatz „Wir schaffen Wald“. Hin zum Ansatz: Wir helfen dem Wald, zurückzukehren.
Warum dies genau das Richtige für Panambi ist
Dieser Weg ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll. Er spiegelt auch wider, wofür Panambi steht:
• Respekt vor natürlichen Prozessen
• Biodiversität statt Monokultur
• langfristige Stabilität statt schneller symbolischer Mssnahmen
In den kommenden Monaten werden wir Schritt für Schritt und im natürlichen Tempo des Waldes konkreter zeigen, wie wir ANR auf unserem Land umsetzen und was sich dadurch sichtbar verändert.
Mit herzlichen Grüssen
Silvia für das Panambi Team




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